Donnerstag, 8. Oktober 2009
Nachtspaziergang durch die Jerusalemer Altstadt
Gestern Abend hatte ich das große Glück, dass Jona, der ebenfalls im Paulushaus Volontär ist, mir abends die Jerusalemer Altstadt gezeigt hat.

Gemeinsam sind wir also durch das Damaskustor getreten, zu welchem man vom Paulushaus aus nur etwa eine Minute braucht, da es direkt auf der gegenüberliegenden Straßenseite liegt. Es ist das größte Tor, welches die Jerusalemer Altstadt mit der Neustadt verbindet. Erbaut wurde es im Zuge der Erneuerung der Stadtmauer unter Sultan Süleyman dem Prächtigen 1535-1538. Sein Alter kann man schon an den verrotteten und mit vielen Eisennägeln beschlagenen Holztüren erahnen. Das erste, was ich beim Betreten der Altstadt sah, war eine Gruppe von sechs oder sieben jungen israelischen Militärs, die mit ihren schusssicheren Westen und Gewehren auf uns zukamen.

Wir schlugen den linken Hauptweg ein, der Richtung Klagemauer führt und durchquerten hierfür das arabische Viertel. Obwohl es Nacht und fast niemand auf den Gassen war, fühlte ich mich beengt, besonders, da fast alles überdacht ist und man sich daher nicht mit einem Blick nach oben an Kirch-, Synagogen- oder Moscheetürmen orientieren kann.

Bald gelangten wir zur Sicherheitskontrolle, um auf den Platz gelassen zu werden, wo die Klagemauer steht. Da die Juden zurzeit Sukkot feiern, wimmelte es auf dem Platz und besonders direkt vor der Klagemauer von meist orthodoxen Juden. Die Mauer war durch ein behängtes Gitter in zwei Bereiche abgetrennt: einen für die Männer und in einen für die Frauen. Mir fiel auf, dass der Bereich der Frauen kleiner war als jener für die Männer, obwohl etwa gleich viele männliche und weibliche Juden da waren und ich fragte mich: warum?

Klagemauer
Klagemauer

Die Klagemauer hatte ich mir anders vorgestellt, als ich sie hier antraf. In meiner Vorstellung waren es ein paar große alte Steine gewesen, die auf einem Hügel herumlagen und eine Mauer erahnen ließen. Jedoch handelt es sich tatsächlich um eine sehr hohe weiße Mauer, deren ältere untere Steine durch Neuere nach oben hin erweitert wurden und die eine in meinen Augen immense Größe vorwies. Vor dieser Mauer befanden sich Scharen von dunkel gekleideten und fein angezogenen Juden, die in rythmischen Bewegungen ihre Oberkörper entweder hin und her oder vor und zurück bewegten.

Als ich mich umschaute, bemerkte ich, dass alle Frauen und Mädchen um mich herum lange Röcke trugen und ich die Einzige war, die in einer Hose herumlief. Fast alle Männer und Jungen trugen Schläfenlocken. Entweder hatten sie Kippas, steife Hüte oder riesige schwarze puschlige zylinderartige Kopfbedeckungen an, deren Name ich noch nicht in Erfahrung bringen konnte. Auch ihre glänzenden schwarzen frackartige Mäntel, die aufgrund des Gürtels an Bademäntel erinnern, stachen ins Auge der unwissenden Betrachterin. Wir standen eine Weile auf dem Platz herum und betrachteten das Treiben der Menschen um uns. Die Stimmung gefiel mir.

Platz vor der Klagemauer
Platz vor der Klagemauer

Auf dem Rückweg suchten wir die Auferstehungskirche, fanden sie aber im Gewirr der tausend Gassen nicht und verliefen uns. Wieder im arabischen Viertel fühlte ich mich von Neuem beengt und etwas abgestoßen durch die vielen räudigen Katzen, den Müll und den Dreck. Ich bin gespannt, wie die Altstadt bei Tag auf mich wirken wird.

entlang der Altstadtmauer: Blick auf den Felsendom
entlang der Stadtmauer im jüdischen Viertel mit Blick auf den Felsendom

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