Montag, 23. November 2009
Ramallah und Haifa
Nachdem der Computer heute Nacht meinen neuen Text, an dem ich zwei Stunden saß, beim Online setzen löschte, ging ich wütend ins Bett. Auch hier ist man also nicht sicher vor dem bösen uneinschätzbaren Computer... Ich werde mich jetzt etwas kürzer fassen.

Wieder mal bin ich ein wenig im Land umher gereist und habe mir an einem Tag Ramallah und eine Woche später Haifa angesehen.

Ramallah liegt nur 15 Kilometer nördlich von Jerusalem und befindet sich in den palästinensichen Autonomiegebieten. Daher fuhren Jona und ich mit dem Sherut.
Ramallah ist arabisch geprägt, weswegen die Frauen ausschließlich in langen Gewändern und mit Kopftuch herumliefen. Zum Glück hatte ich Jona dabei, der durch seine Präsenz verhinderte, dass ich alle drei Meter angesprochen wurde. Daher wurde ich lediglich mit Bananenstückchen beworfen und angestarrt. Als weiblicher blonder Rucksacktourist ist man für die dortige Bevölkerung eine Attraktion.

Zuerst besuchten wir das Grab Arafats. Hierzu mussten wir unsere Rucksäcke abgeben und betraten anschließend einen kalksteingepflasterten Platz, an dessen Ende ein in jede Dimension elf Meter messender würfelförmiger Raum war. In diesem Mausoleum liegt, von Soldaten der palästinensischen Ehrengarde streng bewacht, Arafat, welcher für viele Palästinenser ein Vorbild ist.
Dass das Mausoleum elf Meter lang, breit und hoch ist, steht damit im Zusammenhang, dass Arafat am 11. November 2004 verstarb.


Grab Arafats

Zu meinem Erstaunen durften wir baren Fußes die Moschee betreten, die sich gegenüber des Grabes befindet. Dabei handelt es sich um einen großen hellen Raum mit weichem Teppichboden, wo die Frauen sich im oberen und die Männer sich im unteren Teil des Raumes aufhalten.

Danach erliefen wir uns einige Teile Ramallahs, schauten uns die Altstadt an, die sich in keiner Weise von der staubigen, heißen und von Menschen verstopften Neustadt unterscheidet. Außerdem fanden wir uns kurze Zeit inmitten eines Obst- und Gemüsemarktes wieder.

Auf dem Rückweg mussten wir am Grenzübergang eine halbe bis dreiviertel Stunde darauf warten, durchgelassen zu werden. An jedem Drehkreuz hieß es warten auf das grüne Licht, Rucksack durchleuchten lassen, eine piepende Sicherheitstür durchgehen, Pass vorzeigen. Morgens kann es passieren, dass die Leute mehrere Stunden darauf warten müssen, in den israelischen Teil des Landes zur Arbeit hinüber zu kommen. Sie wissen nie, wie viel Zeit sie am Grenzübergang verbringen müssen.
Zum Glück kam ich noch rechtzeitig zu meinem Sprachkurs zurück.


Straße in Ramallah


halb abgerissenes Haus - weil eine Straße davor gebaut wurde?

Nach Haifa fuhr ich eine Woche später mit Laura an einem Freitag. Die Fahrt im Bus dauerte zwei Stunden und es war hochinteressant zu sehen, wie viel fruchtbarer das Land wird, je mehr man sich dem Mittelmeer nähert. Gegenüber dieses satten Grüns des Grases erscheint mir Jerusalem vollkommen öde und karg.

In Haifa hatten wir relativ wenig Zeit, da um drei einer der letzten Busse zurück nach Jerusalem fuhr - schliesslich fahren die israelischen Busse mit Beginn des Shabbats nicht weiter.
Wir gingen zu den Bahaigärten. Die Bahai sind Mitglieder einer Religion, die sich vom Islam abgespalten hat. Die Bahai glauben an einen einzigen Gott und, wie uns die Führerin durch den Garten erzählte, ist den Bahai besonders die Einheit der Menschheit wichtig. Für mich war es sehr erholsam mich in diesem Naturhain aufzuhalten und auch mal wieder frische Seeluft zu schnuppern. In dem Garten arbeiten um die 180 Personen, die meisten davon Gärtner, aber auch Volontäre, die aus vieleln Ländern angereist kommen, um den Haupsitz der Bahai zu unterstützen.

Wikipedia zufolge praktizieren die Bahai ihre Religion folgendermaßen:
"Die Bahai-Religion schreibt kaum Riten vor, individueller Gestaltungsfreiraum ist gegeben und Inkulturation wird begrüßt. Adressat fast aller Gebote ist das Individuum, nicht die Gemeinde. Einen unmittelbar erlösenden oder heilsbringenden Charakter haben die Riten nicht. Was zählt, ist die geistige Grundhaltung und nicht die äußere Form. Eine Etablierung kultischer Traditionen jenseits der von Baha’u’llah vorgeschriebenen Riten wird aufgrund der Gefahr der „Verkrustung der Religion“ abgelehnt." (vom 26.11.09, 11:48)


Der Terassen des Bahaigartens vom unteren Teil Haifas aus


Der Garten von oben


schöne Aussicht auf die Stadt



Nach dem Gang durch den Garten machten sich Laura und ich, sowie ein anderer Deutscher, den wir während der Führung kennen gelernt hatten, in die German Colony auf und aßen Sandwiches. Dann mussten wir auch schon wieder zurück fahren. Von der Stadt habe ich bedauernswerterweise nicht so viel gesehen, wie ich mir erhofft hatte.

In Jerusalem angekommen waren die Straßen aufgrund des Shabbats menschenleer. Nur gelegentlich kamen uns jüdische Familien mit mehreren kleinen Kindern entgegen. Diese Stimmung war für mich ganz neu, da ich Freitags sonst immer arbeiten musste.

Aufgrund dieser besonderen Stimmung ging ich abends noch mit Jona ins jüdische Viertel Mea Shearim. Auf den autoleeren Straßen flanierten Heerscharen von feinen und in schwarz gekleideten Juden. Ich kam mir vor, als würde ich in einem anderen Jahrhundert spazieren gehen. Aus manchen Häusern hörten wir jüdischen Gesang.
Auf Schildern wurde darauf hingewiesen, dass diese Wohngegend, wo nur Juden leben, keine touristische Attraktion seien und auf denen erklärt wurde, wie sich Frauen zu kleiden hätten. Jona und ich stachen aufgrund unserer normalen Kleidung tatsächlich sehr aus den uns Umgebenden heraus und wir fühlten uns teiweise unwohl, weil wir nicht als Gaffer betrachtet werden wollten.

Auf einem anderen Schild lasen wir zu unserem Erstaunen, dass sich der dort lebende Teil der Juden sich nicht mit den Zionisten identifiziere und sogar gegen die Gründung eines jüdischen Staates sei. Man kann nicht alle Juden in einen Topf werfen: es gibt hier so viele verschiedene jüdische Gruppierungen, die teilweise Gegensätzliches für richtig halten.

FOTOS FOLGEN BALD!

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Montag, 9. November 2009
Bethlehm
Meinen freien Tag am Samstag nutze ich, um mit Jona eine dreiviertelstündige Fahrt im arabischen Sherut nach Bethlehem zu unternehmen, um einen Eindruck von der Stadt zu gewinnen.

Es ist für mich das erste Mal, dass ich den Checkpoint passieren muss und mich auf die andere Seite der Mauer bewege. Wir haben mit unserem Touristenvisum keinerlei Probleme in die die Westbank zu kommen. Der Bus beendet seine Fahrt unmittelbar vor dem Checkpoint, den wir durchlaufen. Unsere Pässe werden kontrolliert und wir gehen durch ein Drehkreuz und einen schmalen langen Gang zwischen dem Stacheldrahtzaun und der sechs Meter hohen Betonmauer entlang, bis wir auf der anderen Seite sind. Für mich ist es beklemmend, die Kontrolle und diese so weit sichtbare Mauer zu passieren, die das Land teilt.

Vom Checkpoint aus erwandern wir uns Bethlehem bei strahlendem Sonnenschein. Vorbei geht es an brach liegenden Freiflächen, Schutt, Müll und abgerissenen oder abgebrannten Häusern entlang der Mauer. Die Mauer selbst: mit unglaublich vielen Graffities beschmiert, die Freiheit, Friede oder Menschenrechte fordern. Ein Graffiti zeigt ein Nashorn, was die Mauer durchbricht. Daneben ironischerweise eine mehrere Meter messende Speisekarte des Restaurants gegenüber. Kontrolltürme auf der Mauer in regelmäßigen Abständen, immer wieder gerosteter Stacheldrahtzaun neben der Mauer und Müll dazwischen. In einer Sackgasse an der Mauer: ein geschlossenes schickes Modegeschäft.

Je mehr wir uns der Altstadt nähern, desto mehr stinken die Abgase der Autos. Nach einigem Fragen finden wir die Geburtskirche Jesu auf einem großen Platz. Ihr gegenüber: eine Moschee, in der sich unten ein kleines Tabakgeschäft befindet.

Hier tummeln sich viele Touristengruppen, die dem angeblichen Geburtstort Jesu besonders nah sein wollen. Wir betreten, uns bückend, die Demutspforte, die in die Kirche führt und den Blick auf vier Säulenreihen sowie einen sehr überladenen Altarraum sowie ein Knäuel ansteheder Besucher freimacht. Stimmengewirr umgibt uns und ein aufdringlicher Führer will nicht von unserer Seite weichen, um uns ohne zu warten in die Geburtsgrotte Jesu zu führen. Ein Ort der Besinnung ist dies nicht.

Daneben schließt sich die sehr viel jüngere Katharinenkirche an, wo an Weihnachten immer ein Gottesdienst abgehalten wird.

Wir machen uns auf zur Milchgrotte: hier soll Maria auf der Flucht nach Ägypten mit Josef und dem Säugling Jesu einen Tropfen ihrer Muttermilch verloren haben, worauf sich die Grotte weiß verfärbt haben soll.

An der Bethlehem Universität sind wir mit Max verabredet, einem befreundeten Volontär, der ab und zu ins Paulushaus kommt und mit dem ich hoffentlich Ende November nach Jordanien fahren werde. Er ist an der Uni der einzige Volontär und kümmert sich um Touristengruppen, Führungen und Übersetzungen. Die Bethlehem Universität wird von 70 Prozent Muslimen und 30 Prozent Christen besucht. Sieben von zehn Studenten sind weiblich. Fast alle Frauen tragen hier ein Kopftuch.

Nach dem Verspeisen einer Falafel für unglaubliche vier Schekel (ca. 74 Cent) führt Max uns durch die Universität, zeigt uns den sehr schön bepflanzten und erholsamen Campus und führt uns auf die Dachterasse, von wo aus man den Verlauf der Mauer und zwei Flüchtlingslager entdecken kann. In Richtung Osten erkennen wir duch einen Dunstschleier das Tote Meer, sowie eine Ahnung von Jordanien. In der Bibliothek ist das von vor wenigen Jahren stammende Einschussloch eines israelischen Panzers durch eine Glasverkleidung für Besucher sichtbar.

Wir machen uns auf zum Hirtenfeld, wo die Engel den Hirten verkündigt haben sollen, dass Jesus geboren wurde. Die erste halbe Stunde laufen wir zu Fuß die vor Abgasen stinkende Straße hinunter, essen ein Eis und fahren mit einem Service Taxi, in dem es nach totem Tier riecht, das letzte Stück zum Shepheard´s Field. Wir finden zwar keine saftige Weide vor, sondern ausgetrockneten Wüstenboden, auf dem aber immerhin ein paar Olivenbäume stehen, die uns Erquickung genug sind.

Die Hirtengrotte finde ich sehr angenehm, auch wenn das unechte flackernde Feuer in der Ecke unglaubwürdig und kitschig wirkt. Der Mosaikfußboden, vermutlich aus der Zeit, als hier ein byzantinisches Kloster stand, gefällt mir besonders.

Die Sonne geht - zwar auf der anderen Seite - gerade unter und wir sitzen eine ganze Weile schweigend und dem Muezzin lauschend auf den Ruinen und schauen Richtung Osten, über den Stachel- und Elektrodrahtzaun hinweg.

Nachdem wir in Max Wohnung Tee getrunken haben besuchen wir einen arabischen älteren mit Max befreundeten Souvenirladenbesitzer, der uns süßen Tee kocht und uns anschließend, seinen Laden kurzerhand für uns schließend, in seinem klapprigen Auto, Baujahr 1987, zur Bushaltestelle fährt. Er erzählt uns, dass er vor wenigen Tagen die Erlaubnis von Israel erhalten hat, für die nächsten sechs Monate mit dem Auto nach Jerusalem fahren zu dürfen. Nachts darf er dort jedoch nicht bleiben, sondern muss vor zwölf Uhr zurück in Bethlehem sein. Den Antrag hat er vor vielen Jahren gestellt. Er glaubt, dass der Antrag bewilligt wurde, da er einen festen Job in Bethlehem hat und die Behörden ihm eine Flucht beziehungsweise einen kurzfristigen Umzug nicht zutrauen.

Auf dem Rückweg passieren wir den Checkpoint im israelischen Bus: alle Fahrgäste müssen aussteigen. Die Pässe werden kontrolliert. Nachdem ein bewaffneter Soldat den Bus kontrolliert hat werde ich mit meinem Pass einfach wieder zum Einsteigen in den Bus gewinkt, währen die wohl palästinensische Frau vor mir einige Fragen beantworten muss. Die Grenzpolizisten sind müde, daher dauert die Prozedur nicht allzu lange.

Max begleitet uns nach Jerusalem und wir machen uns mit Laura und Lisa zum nächsten Treffen auf: wir sind mit zwei Amerikanerinnen aus dem Sprachkurs verabredet, um etwas zusammen zu trinken. Doch wir sind zu müde, um noch viel zu machen. Der Tag in Bethlehem war ermüdend - und das lustige Zusammentreffen mit den Mädchen passt nicht wirklich zum Programm, das wir tagsüber hatten.

Sherut
im Sherut

Mauer von israelischer Seite aus im Checkpoint
die Mauer von der israelischen Seite aus beim Checkpoint

zwischen Mauer und Gitterzaun
zwischen Metallzaun und Mauer nach Passieren des Checkpoints

rhinozeros
Graffities auf der Mauer

plakat, wo man gern arabisch könnte
bei solchen Plakaten wäre es interessant Arabisch zu können!

uni
Bethlehem Universität

drahthäuser
abgerissen oder im Bau?

hirtenfeld
Hirtenfeld

friedenstaube erschossen
was soll man davon halten?

friedenstaube
das Gegenstück

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Donnerstag, 5. November 2009
Geburtstag und sonstige Eindrücke
Nach nunmehr einem Monat kann ich es kaum fassen, dass mir nur noch viereinhalb Monate in Jerusalem übrig bleiben. Die Zeit vergeht wie im Fluge, besonders, da ich ziemlich viel neben meiner Arbeit mache.

Mit meinen Mitvolontären habe ich mich sehr gut angefreundet und es macht wirklich Spaß, mit ihnen wegzugehen oder mich täglich mit ihnen über Tausend Dinge totzulachen.

Beim Sprachkurs, der mir im Übrigen sehr großen Spaß macht und der abgesehen von meinem Arbeitsplan eine Struktur in die Woche bringt, haben Laura, mit der ich den Kurs besuche, und ich zwei nette jüdische Amerikanerinnen kennengelernt, Volontärinnen in einem sehr viel interessanteren Bereich, die uns zu ihrer Halloweenparty eingeladen haben.

Die Chance, neue Leute kennenzulernen haben wir genutzt und ich habe alle Volos aus dem Paulushaus mit zur Party geschleppt, wo wir in meinen 20. Geburtstag hineingefeiert haben. Es war das erste Mal, dass ich meinen Geburtstag nicht zuhause gefeiert habe und es war sehr schön!

geburtstag
die Volos aus dem Paulushaus (li) ich und Nicola (re)

Um Null Uhr ging plötzlich das Licht aus und die Anderen kamen mit Kerzen in den Raum und sangen für mich. Außerdem schenkten mir meine Volos einen Gutschein dafür, mit ihnen "frozen joghurt" essen zu gehen. Hier gibt es viele dieser Läden, bei denen man sich die Früchte und sonstige Zutaten nach eigenem Geschmack in sein Eis schreddern lassen kann. Bei den heißen Temperaturen ist das hier auch nötig.

Jedoch ist es in den letzten Tagen schlagartig sintflutartig, windig und kalt geworden. Bei den langen trockenen Zeiten fragt man sich, wie es sein kann, dass plötzlich die Stadt wegzuschwimmen droht.

Meine Sprachlehrerin, mit der Laura und ich an meinem Geburtstag einen der besagten frozen joghurts aßen, erzählte, dass die Menschen hier bei Regen regelrecht ausflippen und daher sogar manchmal die Schule ausfällt. Auch bei den wenigen Zentimetern Schnee, die alle paar Winter fallen, sollen die Bewohner Jerusalems außer sich sein, woraufhin Verkehr und Arbeitszeiten keine Rolle mehr spielen...

Vor ein paar Tagen waren Einige von uns Go-Kart fahren und Bowling spielen hinter der German Colony in der Neustadt. Auf mich wirkte die ganze Aufmachung des Etablissements künstlich und irgendwie abstoßend - so im Kontrast zu Draußen.

Es ist wirklich erstaunlich, wie sehr sich Altstadt und Neustadt voneinander unterscheiden. Die Altstadt ist sehr eng und wimmelt nur von Touristen und Altertümern und Sehenswürdigkeiten, während die Neustadt westlicher geprägt ist. Dort ist mehr Platz, die Leute laufen entspannter und nicht ganz so streng bedeckt herum und dort ist abends auch immer viel los. Die Neustadt mag ich persönlich lieber, wobei die Altstadt interessanter ist.

Mir haben sowohl Volontäre als auch nicht konservative Israelis erzählt, dass sie Tel Aviv für DAS gute Beispiel einer Szenestadt halten. Ich bin gespannt darauf.

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